
Dieses Photo kommt von meinem Kumpel Gerhardt aus Austin, Texas.
Man beachte den Fahrrad-Sattel!
... laeuft (abgesehen vom Wetter) besser als in Deutschland. Dafuer gibt es einen einfachen Grund: es ist so eine Art Tradition ... vor allem in Clare. Man sagt sogar, Co. Clare waere die Wiege der irischen Musik. Was Strassenmusik angeht, habe ich mich hier von Anfang an wohl gefuehlt. Nachdem ich auf der Grafton Street in Dublin gespielt hatte, tingelte ich Richtung Sueden nach Wexford, Waterford, Clear Island, Schull, Dingle. Nach zwei Wochen kam ich nach Ennis und war begeistert. Ich lief die O'Connell Street entlang und dachte mir: das ist die schoenste Stadt, die ich bisher in Irland gesehen habe! Im Abbey-Youth-Hostel (heute Rowan-Tree-Hostel) konnte ich mein Drei-Mann-Zelt auf dem campground fuer 7.50 Euro am Tag inkl. Fruehstueck und Dusche aufschlagen und blieb den ganzen Sommer.
Spaeter spielte ich jeden Tag am Hintereingang des Tesco-Supermarkts. Da habe ich mir fast eine goldene Nase verdient: ich bekam fast jeden Euro der zurueckgebrachten Einkaufswagen! So ging es monatelang bis zu jenem Tag, als genau gegenueber ALDI seine Pforten oeffnete! Ich weiss noch, es war ein Donnerstag als Pat, der alte Security-Gard zu mir kam und mir bedauernd mitteilte, ich muesste mein Zeug zusammenpacken. Spaeter erzaehlte er, das Tesco Management waere Amok gelaufen. Es kamen sogar welche aus England, um sich die Auswirkungen der ALDI-Eroeffnung anzusehen. Es wurde so eine Art Kriesenstab gebildet, alle waren schlecht drauf ... und ich musste gehen!
Das Spielen bei Tesco war so lukrativ, dass ich Existenzaengste bekam nachdem ich dort aufhoeren musste! Zudem war die Stelle ueberdacht und ich war gut vor dem Regen geschuetzt. Ich musste mir einen neuen Platz suchen.
Das war garnicht so einfach, denn im Gegensatz zu Deutschland sind die Frontseiten der Geschaefte in Irland nicht ueberdacht, obwohl es wegen dem Regen vielmehr Sinn machen wuerde. Zuerst machte ich es genauso wie in Deutschland: ich fuhr durch die Gegend auf der Suche nach neuen Plaetzen, musste jedoch schnell feststellen, dass es nicht viel zur Auswahl gab! Abgesehen von Galway und Limerick, gibt es nur noch zwei Staedte, wo es sich lohnt: Kilrush und Killaloe. Am Ende fand ich meinen Platz in Ennis, wo ich auch heute noch jeden Tag spiele.
In Irland ist nicht alles so reglementiert wie in Deutschland. Z.B. muss man nicht jede Woche die Strasse vor dem Haus kehren oder regelmaessig seinen Rasen maehen. Eigentlich muss man es ueberhaupt nicht, wenn man nicht will und der Nachbar steigt einem deswegen auch nicht auf’s Dach. Wie schon erwaehnt, gibt es fuer Strassenmusiker in Deutschland Regeln. In Irland dagegen sogut wie garnicht. Hier ist man mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Mit einfachen Worten: habe ich hier meinen Platz gefunden, gehoert er mir.
Natuerlich laeuft das nicht so reibungslos, wie sich das jetzt anhoert. Ich hatte am Anfang teilweise tierischen Stress mit anderen Buskern bzw. nur mit einem, der im Grunde genommen ein Saeufer und stadtbekannter troublemaker ist. Vor drei Jahren an Weihnachten ging’s dann richtig rund: als er wieder mal damit anfing mich zu beschimpfen, ging ich auf ihn los. Pech war nur, dass zum gleichen Zeitpunkt der oberste Garda Inspektor um die Ecke kam und sich das Ganze live ansehen konnte. Ich wurde verhaftet und in Handschellen abgefuehrt. Nachdem man mir auf der Polizeiwache meine Rechte vorgelesen hatte, durfte ich wieder gehen. Am naechsten Tag entschuldigte ich mich fuer meinen Ausraster, die Anklage wurde fallen gelassen und damit war das Thema erledigt. Komischerweise stieg danach mein Ansehen und ich wurde noch mehr respektiert! Die Leute fanden es naemlich gut, wie ich reagierte und klopften mir deswegen auf die Schulter. Die ganze town stand geschlossen hinter mir! Das muss man sich mal vorstellen!!
Seitdem habe ich meinen festen Platz in Ennis. Kommt es mal vor, dass ich aus irgendeinem Grund nicht auftauche, fragt sich jeder: where is he?! Wenn ich wieder da bin, heisst es: welcome back!
Ich spiele auch lieber auf der Strasse als im Pub. Auf der Strasse sind die Leute (meistens) nuechtern. Ich habe meine feste Arbeitszeit, sechs Tage die Woche. Mein Erfolg liegt auch darin, dass ich Strassenmusik als Job sehe und diesen auch regelmaessig ausuebe. Das ist auch der Unterschied zwischen mir und den irischen Buskern: ich betreibe das Ganze mit einer gewissen german efficiency.
Ein Ire hat mal folgendes zu mir gesagt:
You know why you’re so good? Because you’re not irish!
Zwischendurch ging ich fuer ein paar Monate in die USA. Ein Tripp wie ein Roadmovie: ich tingelte kreuz und quer durch das Land auf der Suche nach Abenteuern. Wurde auch nicht enttaeuscht. Alleine darueber koennte man ein Buch schreiben. Noch heute bereue ich, dass ich nicht laenger geblieben bin. Vielleicht fuer den Rest meines Lebens? Die Chance hatte ich und habe sie nicht genutzt!
Ab ung. 1992 spielte ich dann Strassenmusik fulltime. Kein Gitarrenunterricht mehr. Ein paar Jahre vorher viel die Berliner Mauer. Wo vorher Suedamerikaner spielten, tauchten ploetzlich Polen, Russen und Tschechoslowaken auf! Die Jungs waren bestens organisiert und nach und nach gingen die guten Plaetze verloren. Irgendwann hoerte man nur noch Kalinka und Blasmusik aus Boehmen und Maehren! Ich versuchte so gut wie moeglich ueber die Runden zu kommen, was mir aber immer weniger gelang. Ich unterhielt mich mal mit einem Polizisten darueber. Er erzaehlte, dass die russische Mafia diese Leute in ganz Russland einsammelte. Man brachte sie mit Flugzeugen nach Moskau und von dort mit Bussen in den Westen. Tagsueber spielten sie sich die Finger wund und man nahm ihnen regelmaessig das bischen verdiente Geld ab. Dafuer hatten sie Unterkunft, was zu essen, Taschengeld und vor allem: Vodka! Natuerlich waren diese Menschen in Deutschland besser dran als da, wo sie herkamen.
Kurz vor der Jahrtausendwende war dann Schluss mit der Benutzung meines Verstaerkers in der Fussgaengerzone. War niemals erlaubt aber jetzt schauten die Ordnungshueter genauer hin. In Bad Homburg z.B. wurde es ziemlich eng fuer einen Strassenmusiker: man musste den Platz alle 15 Minuten wechseln! Als ob einem die Leute dann mit dem Geld hinterherlaufen!
Das Beste habe ich aber in Bad Orb erlebt: nachdem ich dort schon Wochen gespielt hatte, wurde ich eines schoenen Tages zum Herrn Krieger in’s Ordnungsamt bestellt. Der wollte meinen Reisegewerbeschein sehen. Natuerlich hatte ich keinen. Nicht weil ich keinen haben wollte, sondern weil ich keinen brauchte. Ich verkaufe keine Ware. Also brauche ich auch keinen Gewerbeschein. Der wollte aber nix davon hoeren und drohte mir, mich naechstes mal einzusperren! Ich mied Bad Orb fuer eine gewisse Zeit. Spaeter spielte ich wieder dort, musste aber 10 Euro zahlen.
Die Fussgaengerzone ist ein Freiraum, ein Ort der Komunikation, wo man sich trifft, sich miteinander austauscht und auch Musik spielt. Das ist die Grundregel. Deshalb kann man die Strassenmusik auch nicht verbieten. Doch jede Stadt stellt ihre Sonderregeln auf, die wiederum ueberall anders ausfallen und einem Busker das Leben schwer machen. Nach einer gewissen Zeit weiss man wo Strassenmusiker nicht so gerne gesehen werden. Herr Krieger aus Bad Orb hatte sich da einen Orden verdient.
Das Leben eines Buskers ist voller Hoehen und Tiefen ... und Ueberraschungen. Es gab schon Schlaegereien, ich wurde von einem anderen Busker mit der Waffe bedroht, mein Hund wurde angefahren, ich hab mein Auto zu Schrott gefahren, habe mich mit Polizisten, Starfzettelverteilern und Sicherheitsbeamten gefetzt, habe an Orten gespielt, wo vorher noch niemand gespielt hatte (Raumschiff Enterprise ... ich weiss). Man hat versucht mir mitten im Winter in Frankfurt auf der Bergerstrasse aus dem obersten Stock eines Wohnhauses einen Eimer Wasser ueberzugiessen! Ging dann aber gluecklicherweise wegen dem Wind ein paar Meter daneben. Ich habe die verruecktesten Leute getroffen. Freunde gefunden und wieder verloren.
Es war immer spannend und um es mal mit Edith Piafs Worten zu sagen: Non, je ne regrette rien ... oder nur wenig.
Auftreten im Pub ist nicht immer nur scheisse. Gottseidank! Ich habe auch sehr viele gute und vor allem ereignisreiche Gigs gespielt. In Deutschland ist es schon so, dass das Irish-Pub-Publikum ein gewisses Mass an Interesse mitbringt. Wo kann man denn sonst einen gemuetlichen Abend mit einem pint Guinness und live-Musik verbringen? Jedesmal wenn ich dort gespielt habe, versuchte ich Stimmung zu machen. Meistens hat es auch geklappt. Komischerweise dachte ich immer, dass die Leute keine Lust haetten und man sie deshalb irgendwie animieren muesste. Verglichen mit dem irischen Publikum ist das deutsche aber um einiges besser. Wer haette das gedacht?
Bevor ich nach Irland gegangen bin habe ich Storys von Leuten gehoert, die schon da waren: Du musst unbedingt dorthin, das ist das Mekka fuer Musiker. Was Musik angeht, sind die Menschen dort ganz anders als wir Deutschen, die schaetzen das viel mehr. Fuer die ist Musik Leben ... usw.
Ich frage mich: Was ist daraus geworden?!
Ich denke, es ist der Wohlstand, der nicht nur das Leben, sondern auch die Pub-Kultur der Iren veraendert hat. And the grass is not always greener on the other side ... auch wenn es Irland ist!
Was sich nicht veraendert hat ist der Alkoholkonsum! Genauso der Sportwahn.
Werde nie vergessen, wie ich an einem Sonntag Nachmittag in der “Library Bar” gespielt habe. Zuerst war ueberhaupt nix los. Alle waren beim oertlichen Hurlingmatch. Danach kamen jedoch die Fans beider Mannschaften. Innerhalb weniger Minuten ging es von 0 auf 100! Vor mir stand eine junge Dame, die nach einem Song fragen wollte. Sie machte gerade den Mund auf als die Schlaegerei losging und flog quer ueber mich drueber hinten in die Ecke! Nur ihre hochhackigen Schuhe blieben vor mir stehen! In solchen Momenten wuenscht man sich als Musiker in einem Kaefig zu spielen ... so wie die Blues Brothers “We play everything: Country and Western ... you know!”
Oder mein Bekannter “Martin from Ireland”, dem ein paar Jungs bei einem Auftritt die komplette Anlage regelrecht niedergerissen haben, weil ihnen sein Gesicht nicht gefiel! Danach packte Martha einfach ein und fuhr nach hause.
Kevin, ein anderer Musiker-Kollege und Freund, spielte jahrelang jeden Samstag Abend im “Cruises”. Versoff seine halbe Gage mit Jameson-Whiskey und lebte so seinen Traum vom “Rock’n Roll”. Heute lebt Kevin in Frankreich und rockt die Franzosen.
Jeder hat so seinen Traum. Ich lebe meinen schon seit ueber dreissig Jahren, als ich zum ersten mal die Gitarre in die Hand genommen habe. In dieser Beziehung hat sich nicht viel bei mir geaendert. Bin genauso bekloppt wie damals, nur etwas zynischer. Werde auch weiterhin in Pubs spielen. Wo sonst?
Als ich vor fuenf Jahren nach Irland kam, hatte ich meinen ersten Gig in einem Pub in Wexford. Ich tingelte damals mit Rucksack und Gitarre durch die Gegend und an einem Samstag Nachmittag machte ich Strassenmusik genau gegenueber besagtem Pub. Die Leute kamen raus und luden mich ein am Abend zu spielen. Es war eines der schoensten Erlebnisse und ich dachte mir: Das ist also die vielgeruehmte, irische Gastfreundschaft!
Spaeter in Ennis sass ich eines Abends in der “Diamond Bar” wo gerade drei Musiker spielten. Ich kann mich noch an deren versteinerte Gesichter erinnern und dachte mir: Mein Gott Jungs, was ist denn euch ueber die Leber gelaufen?! Den ersten, richtigen Auftritt hatte ich dann in den “Barge Rooms”. Ich weiss noch, dass ich versuchte das Ganze so aufzuziehen wie in Deutschland: ich wollte die Leute zum mitmachen/mitsingen animieren. Doch keine Chance, niemand kuemmerte sich drum! Schnell wurde mir klar, dass es hier so nicht laeuft. Mir vielen die drei Musiker in der “Diamonds Bar” wieder ein und da wusste ich, warum die so einen zerknirschten Eindruck gemacht haben.
Die Regel ist ganz einfach: Man spielt in einem Pub und es interessiert kein Schwein!
Das soll frueher aber anders gewesen sein. Gerade neulich unterhielt ich mich darueber mit einem Bar-Manager, der schon seit ueber 20 Jahren in dem Business arbeitet. Er erzaehlte, schuld an der heutigen Misere waeren unter anderem auch die Musiker. In Zeiten als der Celtic-Tiger boomte, schossen Pubs an jeder Ecke wie Pilze aus dem Boden. Musiker hatten damals nicht nur zwei Gigs an WE, sondern oft zwei Gigs an einem Tag! So kam es nicht selten vor, dass ein und die gleiche Band zehn Auftritte uber die ganze Stadt in einem Monat spielte. Mehrere Bands teilten sich den Kuchen und es kamen neue Bands und Musiker hinzu, die ebenfalls ein Stueck davon abhaben wollten.
Doch dieses Musiker Paradies hatte auch Nachteile. Wenn viel Geld im Spiel ist, leidet die Qualitaet. Jeder Depp war ploetzlich Musiker! Das Ergebnis kann man sich vorstellen: die Darbietungen wurden immer schlechter. Ueber Jahre hinweg mutierte live-Musik zum Klischee ... gerade auch im irish-trad Bereich. Dass heute immer noch live-Musik angeboten wird, ist diesem Klischee zu verdanken. Die Touristen fahren nach wie vor voll drauf ab ... die Einheimischen eher weniger.
Trotzdem kann man auch heute noch viel Geld damit verdienen. Regelmaessige Auftritte bringen 1000 – 1500 Euro im Monat ... Schmerzensgeld!
Was wird denn so gespielt, mag sich jetzt mancheiner fragen.
In der Regel kommt man am besten klar, wenn das Repertoire folgendermassen aussieht:
50% irische Songs (davon eine Haelfte Rebell- und die andere Haelfte Christy Moore-Songs), 30% Country (Johnny Cash, Kenny Rogers etc.) und der Rest middle-of-the-road-stuff wie Bruce Springsteen, Neil Young, Beatles usw. Am besten, man schreibt sich jedesmal die Titel, die vom Publikum verlangt werden auf.
Das ist jedoch nicht zwingend so. Jeder kann sein Programm gestalten wie er moechte. Manchmal ist es auch gut, wenn man aus dem Rahmen faellt. Ich z.B. spiele zu 95% middle-of-the-road-stuff, 5% Country und garkeine irischen Songs. Warum? Weil mir die irischen Songs nicht gefallen ... oder wie sagt man hier: It’s not my cup of tea! Bisher bin ich deswegen nicht besser oder schlechter gefahren wie alle anderen. Mein Motto ist ganz einfach: ich spiele nur Songs, die ich mag. Natuerlich muss man hier und da Kompromisse machen aber wenn man nur das spielt, was die Leute hoeren wollen ist man kein Musiker, sondern eine Musikbox ... und da hoert der Spass bei mir auf.
Ich trete als One-Man-Band auf, d.h. ich spiele akustische- und e-Gitarre mit Drummachine und Backingtracks. Am Anfang gruendete ich eine Band, die sich jedoch nach einem Jahr wieder aufloeste. Danach spielten wir im Duo oder Trio. Heute spiele ich nur noch alleine. Abgesehen davon, dass Musiker hierzulande noch unzuverlaessiger sind als in Deutschland, lohnt es sich nicht mehr in einer Band zu spielen. Warum auch, wenn ich alleine mit weniger Aufwand mehr Geld verdienen kann?