Samstag, 9. Januar 2010

Irish Pub III

Als ich vor fuenf Jahren nach Irland kam, hatte ich meinen ersten Gig in einem Pub in Wexford. Ich tingelte damals mit Rucksack und Gitarre durch die Gegend und an einem Samstag Nachmittag machte ich Strassenmusik genau gegenueber besagtem Pub. Die Leute kamen raus und luden mich ein am Abend zu spielen. Es war eines der schoensten Erlebnisse und ich dachte mir: Das ist also die vielgeruehmte, irische Gastfreundschaft!

Spaeter in Ennis sass ich eines Abends in der “Diamond Bar” wo gerade drei Musiker spielten. Ich kann mich noch an deren versteinerte Gesichter erinnern und dachte mir: Mein Gott Jungs, was ist denn euch ueber die Leber gelaufen?! Den ersten, richtigen Auftritt hatte ich dann in den “Barge Rooms”. Ich weiss noch, dass ich versuchte das Ganze so aufzuziehen wie in Deutschland: ich wollte die Leute zum mitmachen/mitsingen animieren. Doch keine Chance, niemand kuemmerte sich drum! Schnell wurde mir klar, dass es hier so nicht laeuft. Mir vielen die drei Musiker in der “Diamonds Bar” wieder ein und da wusste ich, warum die so einen zerknirschten Eindruck gemacht haben.

Die Regel ist ganz einfach: Man spielt in einem Pub und es interessiert kein Schwein!

Das soll frueher aber anders gewesen sein. Gerade neulich unterhielt ich mich darueber mit einem Bar-Manager, der schon seit ueber 20 Jahren in dem Business arbeitet. Er erzaehlte, schuld an der heutigen Misere waeren unter anderem auch die Musiker. In Zeiten als der Celtic-Tiger boomte, schossen Pubs an jeder Ecke wie Pilze aus dem Boden. Musiker hatten damals nicht nur zwei Gigs an WE, sondern oft zwei Gigs an einem Tag! So kam es nicht selten vor, dass ein und die gleiche Band zehn Auftritte uber die ganze Stadt in einem Monat spielte. Mehrere Bands teilten sich den Kuchen und es kamen neue Bands und Musiker hinzu, die ebenfalls ein Stueck davon abhaben wollten.

Doch dieses Musiker Paradies hatte auch Nachteile. Wenn viel Geld im Spiel ist, leidet die Qualitaet. Jeder Depp war ploetzlich Musiker! Das Ergebnis kann man sich vorstellen: die Darbietungen wurden immer schlechter. Ueber Jahre hinweg mutierte live-Musik zum Klischee ... gerade auch im irish-trad Bereich. Dass heute immer noch live-Musik angeboten wird, ist diesem Klischee zu verdanken. Die Touristen fahren nach wie vor voll drauf ab ... die Einheimischen eher weniger.

Trotzdem kann man auch heute noch viel Geld damit verdienen. Regelmaessige Auftritte bringen 1000 – 1500 Euro im Monat ... Schmerzensgeld!

Was wird denn so gespielt, mag sich jetzt mancheiner fragen.

In der Regel kommt man am besten klar, wenn das Repertoire folgendermassen aussieht:

50% irische Songs (davon eine Haelfte Rebell- und die andere Haelfte Christy Moore-Songs), 30% Country (Johnny Cash, Kenny Rogers etc.) und der Rest middle-of-the-road-stuff wie Bruce Springsteen, Neil Young, Beatles usw. Am besten, man schreibt sich jedesmal die Titel, die vom Publikum verlangt werden auf.

Das ist jedoch nicht zwingend so. Jeder kann sein Programm gestalten wie er moechte. Manchmal ist es auch gut, wenn man aus dem Rahmen faellt. Ich z.B. spiele zu 95% middle-of-the-road-stuff, 5% Country und garkeine irischen Songs. Warum? Weil mir die irischen Songs nicht gefallen ... oder wie sagt man hier: It’s not my cup of tea! Bisher bin ich deswegen nicht besser oder schlechter gefahren wie alle anderen. Mein Motto ist ganz einfach: ich spiele nur Songs, die ich mag. Natuerlich muss man hier und da Kompromisse machen aber wenn man nur das spielt, was die Leute hoeren wollen ist man kein Musiker, sondern eine Musikbox ... und da hoert der Spass bei mir auf.

Ich trete als One-Man-Band auf, d.h. ich spiele akustische- und e-Gitarre mit Drummachine und Backingtracks. Am Anfang gruendete ich eine Band, die sich jedoch nach einem Jahr wieder aufloeste. Danach spielten wir im Duo oder Trio. Heute spiele ich nur noch alleine. Abgesehen davon, dass Musiker hierzulande noch unzuverlaessiger sind als in Deutschland, lohnt es sich nicht mehr in einer Band zu spielen. Warum auch, wenn ich alleine mit weniger Aufwand mehr Geld verdienen kann?

Mittwoch, 6. Januar 2010

Irish Pub II

Bei alldem spielt die Musik bzw. live-Musik eine relativ untergeordnete Rolle.

Jetzt wird der eingefleischte Irlandkenner aufschreien: "ist doch ueberhaupt nicht wahr, es wird immer noch live-Musik in den Pubs gespielt und die Leute wollen das!"

Das stimmt, nur was die Leute wollen und was der Musiker will sind manchmal zwei voellig unterschiedliche paar Schuhe. Ich kenne einige Musiker, die vollkommen happy damit sind, jedes WE im gleichen Pub zu spielen, immerwieder die gleiche Nummer. Ich kenne aber auch welche, die haben ganz damit aufgehoert. Der Unterschied zwischen diesen beiden Gruppen ist, dass die erstere Musik nur des Geldes wegen spielt, waehrend die zweite die Musik progressiver betreibt, versucht sich zu verbessern und voranzukommen. Das Problem der zweiten Gruppe ist, dass es eben sogut wie niemanden interessiert!

Dann gibt es noch eine dritte Gruppe, die relativ selten zu finden ist: die Profis! Das sind diejenigen, die Musik ernsthaft betreiben und damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Hier findet ein staendiger Balanceakt statt zwischen Pflicht und Kuer, also zwischen dem was man nicht so gerne spielt und dem was man liebt.

Ich will nicht darueber urteilen welche von den drei Gruppen die besseren Musiker sind oder was generell besser ist ... jeder hat das fuer sich selbst zu entscheiden. Wenn ich Strassenmusik mache, weil ich der Meinung bin es waere das Gelbe vom Ei, so ist das meine Sache. Deshalb bin ich nicht besser oder schlechter. Fuer jemand anderen ist das vielleicht der Alptraum, fuer mich schon seit 25 Jahren Alltag!

An anderer Stelle habe ich schon mal beschrieben wie so ein Gig in einem Pub aussieht:

In der Regel finden die Auftritte an WE statt, also Fr und Sa, beginnen so um 22.00Uhr und enden um 0.30Uhr. Je nach Art und Groesse des Pubs hat man einen guten bzw. schlechten Platz, wo man spielt. Meistens sind die Raeumlichkeiten gut, vor allem bei music-pubs, wo oft eine kleine Buehne steht. Wenn man Pech hat steht man irgendwo in der Ecke auf dem Weg zum Klo.

Seit ung. drei Jahren laufen die Gigs ziemlich aetzend. Die Leute feiern sich selbst, d.h. sie sind die Stars, sie stehen im Mittelpunkt. Als Musiker steht man da auf verlorenem Posten: kein Applaus, kein Mitsingen, keine Resonanz. Mitlerweile ist es schon so, dass ich ueberhaupt nichts mehr ansage oder mich vorstelle. Ich komme, zieh mein Ding durch und gehe wieder. Kein Hallo, kein Aufwiedersehen. Oft denke ich mir “Ihr koennt’ mich mal”. Hoert sich vielleicht schraeg an aber ich habe das Gefuehl, dass diese Meute uns Musiker hasst. Nirgendwo sonst habe ich sowas erlebt!

Auch ist es voellig wurscht wie gut man spielt. Das ist ueberhaupt keine Garantie! Ich hatte Gigs, wo regelmaessig die Post abging. Nach ein paar Wochen wurde das Ganze eingestellt und es gab ueberhaupt keine live-Musik mehr. Ein halbes Jahr spaeter ging die ganze Chose wieder von vorne los ... nur ohne mich! Ich war draussen. Warum? Weil der Manager ausgewechselt wurde und der Neue seine eigenen Leute reingebracht hat ... egal wie gut oder schlecht die waren. In Ennis ist sowieso jeder mit jedem verwandt oder verschwaegert, man kuemmert sich schon umeinander.

Dienstag, 5. Januar 2010

Irish Pub I

Es gibt den drinking Pub, music Pub mit trad- und/oder moderner Musik, lokal Pub, tourist Pub und den Restaurant-Pub. Alle Pubs haben eines gemeinsam: in allererster Linie geht man dorthin um sich zu besaufen.

An Wochenenden koennte die Prioritatetenliste eines unverheirateten Durchschnittsiren im Alter zwischen 18 bis 30 im Pub auch folgendermassen aussehen:

1. Saufen
2. Sich darstellen
3. Saufen

4. Jemanden kennenlernen
5. Saufen
6. Komunikation
7. Saufen

8. Anbaggern
9. Noch mehr saufen
10. Sich feiern
11. Noch viel mehr saufen


Frauen tragen Kostueme, die mehr zeigen als dass sie verbergen und high-heels, in denen sie kaum laufen koennen. Maenner tragen koerperbetonte Hemden, Jeans und Turnschuhe. Bevor man in den Pub geht wird schon mal getankt, damit man locker ist und spaeter nicht mehr soviel ausgeben muss.

Ein typisches Szenario zwischen Mann und Frau sieht so aus: man lernt sich in einem Pub kennen, betrinkt sich, geht in's Hotel, verbringt eine Nacht zusammen. Man verabredet sich fuer's naechste WE und macht genau das Gleiche. Irgendwann wird sie schwanger, es wird geheiratet, eine Mortgage aufgenommen. Nach ungefaehr einem Jahr lernt man sich erst richtig kennen und stellt fest, dass man garnicht zusammenpasst. In der Zwischenzeit ist vielleicht schon das zweite Kind unterwegs, das Haus ist endlich eingerichtet, er hat ein Auto, sie auch. Trennung oder gar Scheidung sind kein Thema. So geht's immer weiter.

"Ist in Deutschland genauso!" koennte man jetzt sagen.

Ja, ausser dass dort die Scheidungs- und Abtreibungsrate sehr viel hoeher ist. Ausserdem wird nicht so einfach geheiratet. Mann baggert Frau an, um sie in's Bett zu kriegen und nicht um sie zu heiraten. Und vor allem: es wird auf keinem Fall soviel gesoffen!

Also ist es doch nicht so wie in Deutschland (hahaha)!

Fortsetzung folgt ...

Montag, 4. Januar 2010

Pub-Gigs storniert!

Heute erhielt ich einen Anruf von Ciaran, einem der Manager von J.P.Clarks in Bunratty, wo ich Sylvester gespielt habe. Genauer Wortlaut:

"Hey Ned, New-Years-Eve was shite!"
"Oh really, who told you that?"
"Ah ... you know, some customers. They were not happy!"
"Hmmm ... strange, because people told me it was good. They looked happy to me!"
"Well you know, some of the lads were complaining about you ..."
"Well, I can't make everybody happy and there will be always somebody complaining!"
"That's true!"
"So, what now?"
"Ned, I have to cancel all your gigs for next year!"

1000 Euro futsch!

Was mich an der ganzen Sache aergert ist die Tatsache, dass wegen ein paar dickheads mir der Hahn zugedreht wird ... einfach so. Natuerlich gab es auch Abende, da war es nicht so berauschend. Ein- oder zweimal hatte ich einen total beschissenen Sound und kam deswegen ueberhaupt nicht klar. Es gab aber auch Abende, da haben die Leute getanzt und waren total happy! Ist ganz normal.

Es wird jedoch immer schwieriger regelmaessige Auftritte zu ergattern. Vor nicht allzulanger Zeit war es normal, dass man zwei- oder drei Pubs hatte, wo man regelmaessig das ganze Jahr ueber an den WE gespielt hat. Jetzt ist es so, dass man zwei-, dreimal spielt und danach ist schluss mit lustig.

Auch habe ich das Gefuehl, dass lieber Iren genommen werden. So zum Beispiel in einem neu eroeffneten Pub hier in Ennis: da hab ich zwei mal gespielt. Danach ging's fuer zwei Wochen in Urlaub. Als ich wiederkam wurden meine Termine an eine irische Truppe vergeben!

Jetzt koennte man sagen ist doch klar, die Konkurenz schlaeft nicht, man muss immer am Ball bleiben etc. Stimmt ja auch ... und trotzdem habe ich das Gefuehl da steckt mehr dahinter!

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich eben nicht einer von denen bin, die sich einfach nur mit einer Klampfe hinstellen und Christie Moore, Rebell-Songs, "The Town I Loved So Well" usw. vorwaerts und rueckwaerts spielen. Da hab' ich naemlich ueberhaupt keinen Bock drauf! Dann lieber garnicht.

Ich glaub' ich muss mir ernsthaft eine Alternative ueberlegen. Der Pub-Business scheint sowieso mehr und mehr vor die Hunde zu gehen ...

Sonntag, 3. Januar 2010

Gestern und heute

Komme gerade von einem Spaziergang mit den Hunden. Habe nicht schlecht gestaunt: auf dem Sportplatz im Lees Road-Park trainierten die irischen Jungs in kurzen Hosen und Joppelchen Hurling. Es sind gefuehlte 0 Grad und der eiskalte Wind pfeift einem um die Ohren! Die Iren sind da echt schmerzfrei. Meine Theorie: wer einemal den Selbstversuch unternommen hat ein irish-breakfast zu sich zu nehmen, weiss wovon ich rede. Manchmal geht's gut, manchmal aber auch nicht ... je nach der aktuellen, koerperlichen Verfassung. Eins ist jedoch so gut wie immer der Fall: man kann danach erst mal mindestens zwei Tage lang nicht auf's Klo! Es ist ja nicht so, dass die Iren jeden Tag sowas fruehstuecken (das haellt wirklich kein normaler Mensch aus) aber die essen das oefter als wie wir Kontinentaleuropaer. Und nu' meine Theorie: dadurch, dass man garnicht oder nur sehr selten kackt, verbrennt der Koerper eben viel mehr. Irgendwie muss das Zeug ja wieder raus! Ausserdem kommt da noch der Alklohol mit in's Spiel. Beides zusammen ergibt eine hoch brennbare Mischung! Dadurch sind die Eingeborenen hier viel kaelteresistenter. Ist doch einleuchtend, oder?! Anders kann ich's mir nicht erklaeren ...

Ich dagegen habe mir gestern wieder mal den Arsch abgefroren ... mehr oder weniger fuer die Katz! In der Town ist im Moment ueberhaupt nix los ... nicht mal an einem Samstag! Die Leute sind noch ganz benebelt von Sylvester und verbringen die meiste Zeit zuhause im Bett. Bis ung. 11.30Uhr war sogut wie kein Mensch unterwegs. Ich stand da schon fast vier Stunden und sinnierte ueber Kaminfeuer, Gluehwein und Schlaf. Um 14.00Uhr packte ich zusammen, fuhr nach Hause und legte mich in's Bett. Am liebsten haette ich bis zum naechsten Tag durchgeschlafen und musste mich echt zwingen wieder aufzustehen.

Abends hat es doch tatsaechlich geregnet ... wenn auch nur ganz kurz. Der Regen gefror sofort und saemtliche Plaene auszugehen wurden auf Eis gelegt. Wir blieben zuhause und guckten in die Roehre: Desperate Houswifes ... die erste Staffel auf DVD. Einfach nur genial! Ich bin ja ein totaler Fan und habe mich tierisch drueber aufgeregt als bei der Fussball-WM (oder war es die EM?) die Folgen ausfielen! Wer braucht denn Fussball?!

Morgen geht's nach Limerick: ich muss ein Paket mit GLS verschicken und Ella braucht winterfeste Schuhe.

Freitag, 1. Januar 2010

Happy New Year!

Ein frohes neues Jahr! Ich hoffe, ihr habt gut gefeiert. Sylvester in Irland ist nicht so der Renner. Letzter Abend im J.P.Clarks war wie jeder andere: ein ganz normaler Gig mit dem Unterschied, dass auf dem Plasma-Screen Party-Uebertragungen aus der ganzen Welt gezeigt wurden. Die Leute starrten wie gebannt drauf und wunderten sich. Ella meinte, man haette doch zum gegebenen Anlass wenigstens ein paar Girlanden anbringen koennen. Passend zur fehlenden Deko war auch die Stimmung: das typische Sylvester-Feeling fehlte voellig! Deshalb einigten wir uns darauf, dass wir naechstes Jahr wonders feiern, z.B. in Berlin.

Wir feierten uebrigens auch unser Hochzeitsjubilaeum: vor genau 10 Jahren, am 1.1.2000 um 0.10Uhr haben Ella und ich geheiratet! Wir beide wundern uns wie schnell diese 10 Jahre vorueber gegangen sind!

Wettermaessig faengt das Jahr gut an: es herrscht Frost und strahlender Sonnenschein! Zwischen den Jahren habe ich ueberhaupt keine Strassenmucke gemacht, das Wetter war einfach zu schlecht. Morgen (so der Wettergott will) geht's wieder raus auf die Gass'. Ende Januar fliegen wir fuer vier Tage nach Portugal ... mein Weihnachtsgeschenk an Ella.

Der Komentar zum Jahresrueckblick faellt eher bescheiden aus. Unser taegliches Leben auf der Insel verlief relativ unspektakulaer. Ausser dass wir im November eine wunderschoene Zeit in der Algarve verbrachten, gab es keine besonderen Hoehepunkte. So wie ich gerade hier sitze und mir die Sonne durch das Fenster in's Gesicht strahlt, denke ich ueber meine guten Vorsaetze fuer's neue Jahr nach. Ich muss endlich mal meine CD fertig machen. Seit fuenf Jahren mache ich damit schon rum und manchmal habe ich das Gefuehl, der Zug waere da schon laengst abgefahren. Doch zwischendurch gebe ich mir immerwieder einen Ruck und gehe zurueck in's Studio, zumal das Ding ja schon fast fertig ist!

Was noch? Ich hoffe, dass wir gesund und munter bleiben, den Lotto-Jackpot knacken und hier endlich verschwinden koennen. Ab in den Sueden!