Mittwoch, 27. Dezember 2017

Jahresende


Bei Ausgrabungen in England fanden Archäologen jahrhundert alte, menschliche Skelette, die augenscheinlich alle eines gemeinsam hatten: starke Abnutzungserscheinungen am linken- bzw. rechten Schultergelenk. Man stellte fest, dass es Bogenschützen waren, die damals in irgendwelchen Kriegen gekämpft haben. In England gilt das Bogenschießen auch heute noch als Tradition und wird vielerorts nach wie vor praktiziert. Damals wurde jeder Bauer zum Bogenschießen verpflichtet. Bogenschützen waren ein wichtiger Bestandteil der königlichen Armee. Jeder Junge musste ab einem bestimmten Alter das Schießen mit Pfeil und Bogen üben. Dazu traf man sich z.B. Sonntags nach dem morgendlichen Gottesdienst und veranstaltete Wettbewerbe. Gute Bogenschützen benutzten schwere Langbögen mit einem Zuggewicht von über 100 lbs. Ein Pfeil, der mit so einem Bogen abgeschossen wurde, konnte eine Rüstung durchschlagen. Die heutigen Langbögen haben im Schnitt ein Zuggewicht von 35 lbs. Wer mit so einem Teil schon mal geschossen hat wird wissen, wie anstrengend das sein kann. Anfänger benutzen leichte Bögen mit 16 lbs, damit sie den Spaß am Üben nicht verlieren. Um einen 100 lbs Bogen zu spannen, braucht man unglaublich viel Übung, Kraft und Ausdauer. Man stelle sich vor wie die Jungs damals in einem Krieg geschossen haben. Das konnte sich über Tage oder Wochen hinziehen und blieb nicht ohne Folgen für den Organismus. Falls sie überlebten und alt wurden, waren Rücken, Schultern und Arme mehr oder weniger nicht mehr zu gebrauchen. Der menschliche Körper verträgt sehr viel aber irgendwann ist Schluss.

Gestern erfuhr ich, dass mein langjähriges Idol Steve Morse unter Arthritis leidet. Steve ist einer der weltbesten Gitarristen und mittlerweile auch schon in die Jahre gekommen. Er wurde durch seinen eigenwilligen Stil berühmt und spielt schon seit Jahren bei Deep Purple. Es wurden Gerüchte laut, dass eine Tour gecancelt werden musste, weil Steve unter starken Schmerzen leidet. Sein rechtes Handgelenk ist kaputt. Angeblich hat er dort überhaupt keinen Knorpel mehr und muss mit einem Handschuh spielen. Steve hat sein Leben lang geübt, gespielt, sich ständig verbessert und weiterentwickelt. Wie muss er sich jetzt wohl fühlen? Ich war ganz schön erschrocken als ich davon hörte.

Wir alle sind vergänglich und werden irgendwann zu Staub. Das ist der Lauf der Dinge. Ich selbst werde nächstes Jahr 55. All die Jahre sind vorübergegangen wie ein schöner, langer Sommer und oft blicke ich zurück mit Wehmut. In solchen Momenten frage ich mich, was ich hätte besser machen bzw. lieber lassen sollen. Obwohl ich weiß, dass ich daran nichts mehr ändern kann tun mir manche Dinge, die ich getan habe unendlich leid. Wenn ich ein gläubiger Mensch wäre, würde ich in die Kirche gehen, eine Kerze anzünden und um Vergebung bitten. Oder ich würde beichten. Doch ich gehe nicht in die Kirche. Jetzt stehe ich im Herbst meines Lebens und mir tun die Knochen weh. Manchmal, wenn ich morgens aufwache und mir nichts weh tut, bin ich überrascht. Ich treibe Sport, ernähre mich ausgewogen und bin ziemlich fit. Doch die Jahre fordern ihren Tribut. Der Winter kommt. Das weiß ich. Wenn es dann soweit ist und der Vorhang fällt, kann ich nur eines mitnehmen: Liebe. Liebe ist das Feuer, das in uns brennt. Liebe ist die Fackel in der Dunkelheit, die uns zum Licht führt. Daran glaube ich.

Ich wünsche euch allen ein gutes, neues Jahr.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen