Freitag, 4. Februar 2011

Musik: Die 90er = Ky Wolfe


Bei dieser Produktion hat Ky im Studio mitgearbeitet. Der von ihm geschriebene Song "SOMEWHERE IN THE WORLD" wurde auch als Single und Maxi-Single veröffentlicht. Letzte VÖ war 12/2010 auf der BONEY X-MAS CD FELIZ NAVIDAD.

Als ich mal meinen Freund Romica in Berlin besuchte, lieh ich mir sein Roland VS-880 Digital Studio Workstation. Das ist ein relativ kleines portables Musikstudio auf digitaler Basis mit allem drum und dran. Romica hatte sich das Teil für ein Schweinegeld gekauft und seitdem kein einziges Mal benutzt. Es stand bei ihm nur als Staubfänger rum. Ich hatte früher ein wenig mit analogen Vierspur-Rekordern rumexperimentiert, hatte sonst aber überhaupt keinen Plan von der Materie. Ehrlichgesagt wusste ich zu der Zeit nicht mal was "digital" bedeutet, geschweige denn wie das ganze funktioniert.

Zuhause lag das Teil dann auch nur rum, bis ich mir einen Ruck gab, die Gebrauchsanweisung rauskramte und langsam loslegte. Ich kann jetzt nicht sagen, dass die Sonne gleich aufging. Ich musste mich erstmal Schritt für Schritt einarbeiten. Als ich aber kapierte was ich da hatte und welche Möglichkeiten sich mir boten, sah ich einen Lichtstreif am Horizont. Ich weiß noch wie ich mit der Gitarre in der Küche saß, auf dem Tisch das Roland und daneben das Handbuch. Ich war fasziniert von der Klarheit der Aufnahmen: gestochen scharf und sogut wie rauschfrei! Ich probierte verschiede Effekte und Equalizereinstellungen aus und machte overdubs. Es wurde immer besser und vor allem: interessanter!

Ich beschloss mir ein Musikstudio einzurichten.

Wir wohnten damals in einem kleinen Haus auf dem Lande. Viel Platz gab es nicht. Doch da war ein Raum, der als Abstellkammer diente und vom Hof aus zugänglich war. Ich machte dort klar Schiff und entdeckte dabei ein Loch im Boden. Die Holzdielen waren morsch und in der einen Ecke waren sie komplett weggerottet! Ich legte einfach eine Tür drüber und damit war die Sache geregelt. Ansonsten war der Raum recht ansprechend: ung. 10 qm groß, komplett mit Holz verkleidet und einem großen Fenster. Ich stellte zwei Biertische rein und schraubte zig Regale an die Wand.

Danach ging ich einkaufen!

Ich fuhr zum Musik-Service nach Aschaffenburg und kaufte alles was ich für ein gutes Homerecording-Studio brauchte: Monitore, Mikrofone, Stative, einen Synthesizer, Gitarrenprozessoren usw. Außerdem kaufte ich mir meine eigene Workstation: das Roland VS1680! Es war das Beste, was man zu der Zeit in diesem Bereich bekommen konnte. Alles in allem gab ich 6.000 DM aus.

Allein das Einrichten des Studios machte ungeheuren Spaß! Als alles fertig war, hatte ich nicht viel Platz. Stellte man einen Mikrofonständer auf, passten gerade mal zwei Leute in den Raum!
Doch ich machte es mir gemütlich, mit gedämpftem Licht und Räucherstäbchen. Es war mein kleines Reich!

Ich begann aufzunehmen.

Es war absolut faszinierend! Ich saß sprichwörtlich Tag und Nacht in meinem Studio. Das Ganze nahm mich dermaßen gefangen, dass ich oft Essen und Trinken vergaß. Ich wollte noch nicht mal aufs Klo! Einmal nahm ich meinen Song Wild Wind auf. Es ging um 14.00 Uhr los und endete am nächsten Morgen um 5.00 Uhr! Ich merkte noch nicht mal wie die Zeit verging. Als ich mich danach ins Bett legte, konnte ich nicht einschlafen weil mein Kopf voll war mit Musik. Es war wie eine Droge!

So ging es ung. einen Monat. Doch dann hatte ich ein Problem: ich verdiente kein Geld! Also musste ich wieder raus auf die Gass' anschaffen.

Und dann traf ich Ky Wolfe! Es war ein verregneter Tag. Ich stand mit meiner Johnson unter der Markise der Schlecker Drogerie in Oberursel und sang gerade Proud Mary als er vorbei schlenderte. Er viel mir sofort auf: ein kleiner, dicklicher Typ, so um die Vierzig, mit Brille, Vollbart und Strubbelfrisur. Er trug eine Dachdeckerhose (so wie ich), eine Hanseaten Kappe und hatte eine Kippe im Mund. Als er mich kurze Zeit später ansprach, viel mir sein Hochdeutsch auf, sowie seine gewählte Ausdrucksweise. Ich merkte zwar, dass ich es hier mit keinem Deppen zu tun hatte aber so richtig einordnen konnte ich ihn nicht. Er sagte:

"Könntest du nochmal Proud Mary spielen? Ist eine interessante Version!"

Also spielte ich nochmal Proud Mary und er hörte aufmerksam zu. Danach sagte er folgendes:

"Klasse! Mein Name ist Ky Wolfe und ich arbeite im Musikbusiness. Bin auf der Suche nach talentierten Leuten. Hättest du Lust auf'n Kaffee?"

Ich sah ihn nur an und dachte er will mich verarschen! Anscheinend bemerkte er meine Skepsis und meinte:

"Du hast es drauf! Kannst du dir eine Karriere als Solointerpret vorstellen?"

Und ich antwortete ohne lange zu überlegen:

"Nein! Aber ich habe ein Studio wo wir aufnehmen können."

Wir tauschten Telefonnummern aus, er verabschiedete sich und ich vergaß das Ganze.

Eine Woche später klingelte mein Handy und Ky war dran. Er wäre gerade in der Nähe und könnte in einer Stunde vorbeikommen. Ich erklärte ihm wo wir wohnten. Danach sagte ich zu Ella:

"Da kommt gleich so ein komischer Typ vorbei. Er heißt Ky."

Ung. eine Stunde später fuhr ein Wohnmobil vor. Ky stieg aus, mit einem kleinen Terrier an der Leine und das Schicksal nahm seinen Lauf!

Er verbrachte den Tag bei uns und erzählte seine Geschichte. Ky war Musiker, Komponist und Muikproduzent. Er arbeitete früher mit dem berühmten Musikproduzenten Frank Farian und kannte ihn schon über 35 Jahre. Dabei schrieb er u.a. auch Songs für Farians frühe Interpreten BENNY & GILLA. Ky kramte sein Fotoalbum aus der Tasche und zeigte uns Bilder aus dieser Zeit: zu sehen waren Ky, Boney M. und Frank Farian bei der Arbeit im Studio! Er erzählte wie ihn dieser Job und der Stress fast das Leben gekostet hätte, dass er nach dem zweiten Herzinfarkt aufgab und dadurch alles verlor: seine Frau, seine Kinder und sein Vermögen. Dazu zeigte er noch Bilder seiner Familie. Er lebte in einem gemieteten Haus in Landau an der Weinstraße und arbeitete als Kassierer bei der örtlichen Tankstelle. Er wollte zurück ins Muisikbusiness und versuchte deshalb in Eigenregie wieder etwas auf die Beine zu stellen. Er fragte, ob ich nicht Lust hätte mit zu machen und ich hätte irgendwas von einem eigenen Studio erzählt? Wir gingen rüber und ich spielte einige meiner Aufnahmen vor. Ky war fasziniert! Er sagte:

"Wir werden hier vorproduzieren! Damit gehe ich dann hausieren. Ich kenne alle im Business! Wenn wir Erfolg haben, gehen wir ins richtige Studio und du verdienst ein Schweinegeld!"

Als ich fragte wer "alle" wären, meinte er das wären Leute wie Dieter Thomas Heck, Michael Holm, Jürgen Drews etc. Kollegen von früher, die immer noch dick im Geschäft wären und er genau da wieder rein wollte ... aber ohne Frank Farian!

Als er sich verabschiedete hatte er ung. 10 große Tassen Cappucino getrunken und der Aschenbecher war bis oben hin randvoll! Soviel zum Thema Herzinfarkt. Ella und ich sahen uns an und wussten nicht was wir von der ganzen Sache halten sollten. Ich war immer noch skeptisch. Gleichzeitig spürte ich, dass an der Sache was dran war.

Am nächsten Tag war Ky wieder da und brachte sein Yamaha-Keyboard und die Gitarre mit.

"Hier haste mein Keyboard. Vielleicht kannst es ja gebrauchen."

Er arbeitete gerade an einem Kinderlied mit dem Titel Wir sind das Licht und musste nochmal kurz drübergehen. Dazu setzte er sich in die Küche, trank eine Tasse Cappo nach der anderen und rauchte solange bis Ella ihn rauswarf! Danach gingen wir ins Studio und es begann das, was später als Feldstraße 18-Phase in die Annalen unserer Familiengeschichte eingehen sollte. Wir arbeiteten Tag und Nacht! Ich saß oft mit meinem Handbuch da, weil ich das 1680 noch nicht völlig beherrschte. Wenn Ky nicht da war, nahm ich alleine auf. Ich produzierte Wir sind das Licht von Anfang bis zum Ende und weiß noch wie ich die Chorstimmen mit einer Zweifingertechnik auf dem Keyboard über den Synthesizer spielte und dafür einen ganzen Tag brauchte. Ab und zu musste ich mehr als zwei Finger benutzen und verspielte mich ständig. Bin ja kein Keyboarder! Was am Ende dabei rauskam war ein wunderschönes Lied, das Ky total faszinierte. Er hatte absolut nichts daran auszusetzen, klopfte mir auf die Schulter und sagte:

"Guter Job!"

Ich bin heute noch stolz drauf!

Alles war schön und gut doch ich verdiente kein Geld dabei. Das sagte ich Ky und er versicherte mir, dass er bereits jemanden an der Hand hätte, der uns Wir sind das Licht abkaufen würde. Trotzdem musste ich mir 1.000 DM von Jörg leihen, um die Miete zu bezahlen. Kurze Zeit später war die Nummer tatsächlich verkauft und Jörg bekam sein Geld wieder!

Danach gings weiter mit der Countrynummer Daddy und mit Es war doch einmal Liebe im Stil von Tic Tac Toe. Ky schrieb diese Titel bei uns am Küchentisch, während um ihn herum voll das Chaos abging: schreiende Kinder, bellende Hunde, ständiger Besuch von Freunden. Störte ihn überhaupt nicht! Hauptsache er hatte einen frisch gebrühten Cappo neben sich stehen und seinen Rot Händle Tabak. Ich hab einmal an einer seiner Selbstgedrehten gezogen und wäre fast in Ohnmacht gefallen!

Von Es war doch einmal Liebe nahmen wir insgesammt 12 verschiedene Versionen auf! Plötzlich standen irgendwelche Sängerinnen bei uns im Studio, die Ky anschleppte. Bei Daddy machte die ganze Familie mit. Jana war zwölf und Sarah gerade mal sechs Jahre alt. Zusammen mit Ella sangen sie im Chor. Ich spielte mitten in der Nacht ein geiles Rockgitarren-Solo ein und vergaß dabei den Aufnahmeknopf zu drücken! Ky meinte nur, dass ich deswegen bei Frank Farian sofort gefeuert worden wäre! Zwischendurch erzählte er unglaubliche Geschichten und Anekdoten aus seiner Zeit bei Farian und aus den Siebzigern, als er noch selber Musiker war.

Ky gründete die Ohrwurm Multimedia Agentur (OMA) und war ständig auf der Suche nach neuen Talenten. Eines Tages kam er an und erzählte von seinem alten Feund Tommy, dem Imobilienmakler aus Stuttgart mit Geld wie Heu. Tommy wäre schon immer scharf darauf gewesen ins Musikbusiness einzusteigen und Ky hätte ihm deshalb unsere Aufnahmen vorgespielt. Im Vordergrund stand dabei Daddy und Es war doch einmal Liebe. Tommy war total begeistert und überzeugt! Er erklärte sich dazu bereit, beide Nummern komplett neu in einem professionellem Studio aufnehmen zu lassen und die Kosten dafür zu tragen. Komerziell gesehen sollte das Ganze so verpackt werden, dass man es hinterher einer großen Plattenfirma anbieten könnte, die es wiederum mit Kusshand nehmen würde, weil sie selber keine Studioproduktionskosten aufbringen müsste. Das war der Plan.

Ky war total euphorisch! Für ihn ging es um alles oder nichts. Es ging, wie er sagte, um unsere Zukunft. "Stell dir vor, wir haben Erfolg damit. Dann muss ich nicht mehr bei der Tanke arbeiten und wir können gemeinsam ein Studio auf Mallorca gründen. So wie Michael Cretu oder Peter Maffay!"

Es war eine schöne Vorstellung: Ella, die Kids und ich auf Mallorca - ein Leben in der Sonne, in einem schönen Haus mit Blick aufs Meer und einem professionellem Studio! Ich begann zu träumen ...

Und tatsächlich: kurze Zeit später wurde ein Studio gebucht und wir alle fuhren gemeinsam zu Franz Halmich nach Knittlingen! Franz war früher Keyboarder und Saxophonist bei den Flippers und hat nach eigener Aussage deren Hit Weine nicht kleine Eva geschrieben. Er besaß ein großes Studio im Keller seines großen Hauses. Das Studio bestand aus dem Regieraum mit einem 48-Spur-Mischpult und einem großen Aufnahmeraum wo eine komplette Bigband reingepasst hätte. An den Wänden hingen Bilder von Stars und solchen die es noch werden wollten und die alle schon bei Franz im Studio waren. In der Ecke stand eine ultra teure digitale Bandmaschine. Weder diese noch das Mischpult wurden für die Aufnahmen benutzt. Vielmehr saß Franz an einem kleinen Tisch neben dem Pult an seinem Apple. Damit wurde aufgenommen! Auf meine Frage warum er das Mischpult noch hätte antwortete er: "Es macht einen guten Eindruck auf die Kundschaft!" Da wurde mir klar, dass ich mit meinem Studio auf dem richtigen Weg war!

Als dann Tommy mit seinem Porsche vorfuhr und im Armani Anzug ausstieg wurde mir nochwas klar: dieser Mensch hatte mit Musik überhaupt nichts am Hut! Das war ein reiner Geschäftsmann. Wärend wir uns einander vorstellten klingelte sein Handy. Er führte ein kurzes Gespräch und legte auf. Er hatte gerade eine Wohnung in Stuttgart gekauft! Mit dabei war sein Assistent, von dem Ky später sagte, dass er tief in Tommys Arsch kriecht und nur ab und zu mal den Kopf rausstreckt um Luft zu holen.

Es wurde ein Zeitplan erarbeitet, Zimmer gebucht und danach gings zum Abendessen. Dort hielt uns Tommy einen Vortrag über Arbeitsmoral, was er von uns erwartete und was für ein toller Typ er selber sei. Ich konnte nicht anders aber langsam hatte ich das Gefühl, dass sich dort am Tisch unser Traum von Mallorca langsam aber sicher in Luft auflöste! Der Rest des Abends quatschten Tommy und Ky über alte Zeiten und wir anderen hörten einfach nur zu. Danach gings in die Pension.

Am nächsten Tag fing die Arbeit an. Während ich im Studio stand und die Gitarrentracks einspielte, kam Tommy mit seinem Assistenten hereingeschlendert. Sie hingen nur rum und standen mehr oder weniger im Weg. Irgendwann mussten sie dann gehen und jeder war froh darüber. Zwischendurch kam noch ein Saxophonist und der Pedalsteelplayer von Truck Stop. Ella und Jana machten ihren Job als Chorsängerinnen, wurden bezahlt und fuhren wieder nach Hause. Ich sah sie erst Wochen später wieder, weil sie nach Portugal fuhren. Ich blieb noch einen weiteren Tag und nahm ein paar Tracks mit der akustischen Gitarre auf. Von der Euphorie war nichts mehr zu spüren und am Ende war ich froh als ich nach Hause fahren durfte. Während der Fahrt in unserem Campingbus legte ich die CD Tuesday's Child von Amanda Marshall auf. Selbst heute noch bekomme ich dabei das gleiche Gefühl im Bauch wie damals, als ich auf der A5 Richtung Heimat fuhr. Ein Gefühl von Melancholie und der Gewissheit, dass alles nur ein schöner Traum war.

Als mir Ky später die fertigen Aufnahmen vorspielte und erzählte was abgelaufen ist, wusste ich, dass mein Bauchgefühl richtig war. Die Nummern klangen glattgebügelt und steril. Es fehlte das gewisse etwas. Unsere ersten Aufnahmen klangen dagegen viel besser, mit Feuer, Leidenschaft und Energie. Die neuen dagegen nur komerziell ... und sonst nichts. Ky hatte damit keinen Erfolg bei den Plattenfirmen. Tommy war total angepisst! Beide hatten sich deswegen zerstritten.

Ich machte danach einfach weiter wie immer: Straßenmusik und Studioaufnahmen. Ky verschwand für eine Weile von der Bildfläche. Dann gründete er ein Trio mit dem Namen Der Flotte Dreier. Sie traten bei Lilo Wanders in der Show auf. Als Ella und ich heirateten, kam er auf unsere Hochzeit und spielte ein Lied, das er für uns geschrieben hatte. Danach haben wir ihn nie wieder gesehen. Auch Nachforschungen im Internet haben nichts ergeben. Ich weiß nicht mal ob er noch lebt.

Die Zeit mit Ky Wolfe war eine der kreativsten im meinem Leben. Später mussten wir umziehen und ich löste das Studio auf.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.